In Rahmen meiner Diplomarbeit untersuchte ich, in wieweit sich die Willensstärke eines Menschen an seinem Gesichtsausdruck erkennen lässt. Zu diesem Zeitpunkt wusste man noch nichts von Spiegelneuronen und es war ein großes Rätsel, wie es möglich ist, dass wir Gefühle bei Menschen erkennen. So kann man bereits Kleinkinder im Alter von ein- bis zwei Jahren beobachten, wie sie zu weinen beginnen, wenn sie andere Kinder weinen sehen. Wieso erkennen sie am Ausdruck die innere Stimmung dieser Kinder bereits dann, wenn sie noch nicht bei sich selbst die Korrespondenz von Gefühl und Ausdruck überprüfen konnten? In meiner von Otto M Ewert angeregten Arbeit ging es darum, wie verlässlich eine Persönlichkeitseigenschaft am Gesichtsausdruck erkannt werden kann. Erfasst wurde die Willensstärke (Ausdauerfähigkeit) mit einem standardisierten Willenstest (d2). Die Portraits derjenigen, die in diesem Test besonders gut und derer, die besonders schlecht abgeschnitten hatten, legte ich allen gewerblichen und allen kaufmännischen Lehrlingen bei Röchling in Völklingen, wo ich ja selbst Lehrling gewesen war, vor. Das Ergebnis war eindeutig: im allgemeinen konnten die Jugendlichen den Unterschied, der sich im Test gezeigt hatte, auch im Gesichtsausdruck erkennen. Allerdings gab es große individuelle Unterschiede und es gab den deutlichen Unterschied zwischen den gewerblichen und den kaufmännischen Lehrlingen insgesamt: die kaufmännischen Lehrlinge konnten im allgemeinen die Unterschiede besser erkennen, was ich als Lerneffekt interpretierte, da die kaufmännischen anders als die gewerblichen Lehrlinge die Stimmung und Wünsche ihrer Kunden sehr viel genauere erkennen müssen, wollen sie erfolgreich sein. Heute hab ich große Zweifel diesen Untersuchungen gegenüber, da die kaufmännischen Lehrlinge selten im Verkauf eingesetzt waren, also mit Kundschaft kaum zu tun hatten, die etwas kaufen wollten. Sie saßen meist im Büro und waren vielleicht lediglich im Schnitt intelligenter als die gewerblichen Lehrlinge. Auch würde ich heute sehr viel genauer auf die individuellen Unterschiede achten.
Insgesamt dennoch ein interessantes Projekt und vielleicht ein Vorgriff auf die Thematik der Spiegelneuronen und unserer Fähigkeit, aus Handlung und Ausdruck die jeweilige Motivation zu erkennen – und es scheint eher eine Kunst, diese Koppelung im sog. Pokerface nicht erkennen zu lassen.
Veröffentlichung:
1963: den Aufsatz, in dem mein Betreuer, Otto M. Ewert die Arbeit veröffentlichte, habe ich nicht mehr gefunden.
