Migration und Integration

Begonnen hat dieses Thema für mich persönlich kurz nach meiner Installation als Professor an der PH Freiburg mit einer Begegnung: Ich traf vor dem KG II, dem Verwaltungsgebäude, eine Studentin, die mir aus Gießen bekannt war. Sie erzählte mir, sie sei mit einem ebenfalls an der PH arbeitenden Assistenten verheiratet. Dieser sprach mich kurze Zeit später an und bat mich um eine Unterschrift: Er wolle bei der VW-Stiftung einen Projektantrag stellen und brauche dazu die Unterschrift eines Professors. Die Thematik lag mir fern, auch erwies sich das Projekt mit einem Finanzvolumen von einer dreiviertel Million DM als ziemlich groß und auch in der Struktur außerordentlich komplex – wie es der Name auch zum Ausdruck brachte: „Schulische und außerschulische Sozialisation ausländischer Arbeiterkinder“. Konkret ging es um die pädagogische Versorgung der nach dem Gastarbeiter-Anwerbestopp 1973 vermehrt aus den Anwerbeländern nachgeholten Kinder. Natürlich blieb es nicht bei einer Unterschrift, sondern wurde zu einem Lebensthema. Nach der Bewilligung dieses ersten größeren fremdfinanzierten Projektes an der PH waren auch Wolfgang Schwark, der langjährige Rektor der PH und Helmut Schwalb, der langjährige Rektor der KFH (heute KH) mit dabei. Sie zogen sich aber nach und nach zurück, stiegen gänzlich aus und die Gesamtverantwortung blieb bei mir. Guido Schmitt war ein tüchtiger Geschäftsführer und wir warben sehr gute Mitarbeiter an, die für 3 Jahre Unterrichtsmaterialien, Hausaufgabenhilfe, Freizeit- und Stadterkundungsaktionen und Eltern-Aufklärungsarbeit hinsichtlich des deutschen Bildungssystems organisierten und reflektierten. Inhaltlich war ich für die Freizeit und die Stadterkundung zuständig, die ich mit Thomas Armbruster organisierte, durchführte und wissenschaftlich begleitete.

Es handelte sich um ein „Handlungsforschungs“-Projekt und gleichzeitig um forschendes Lehren, was bedeutete, dass wir sowohl die Interessen der Beforschten, also der Gastarbeiter und ihrer Kinder berücksichtigten als auch möglichst viele Studierende der PH einbezogen. Tatsächlich war das aber nur mit einem erheblichen Mehraufwand im Vergleich zur klassischen Forschung und Lehre möglich, führte aber dazu, dass mehrere hundert Studierende sowohl an der PH als auch an der KFH und der EFH durch das Projekt an die Thematik herangeführt wurden, die entsprechenden Seminare besuchten, in der Praxis bei Hausaufgabenhilfe und Freizeiterkundungen teilnahmen, ihre Zulassungs- oder Diplomarbeiten darüber schrieben und letztlich in diesem Bereich eine Stelle bei anderen Trägern fanden.

Unsere aktive und gleichzeitig reflektierte und dann verbesserte Intervention an verschiedenen Schulen und in der Kommune insgesamt warf bald schon die Frage auf, wie die Arbeit nach Auslaufen des Projektes weitergeführt werden könnte. Zwar gab es nochmals eine viertel Million DM ‚Nachschlag‘, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass wir über den Einsatz unserer eigenen Arbeitskraft (über den Job als Hochschullehrer hinaus) Personal, Mittel und Räume benötigten. Im damaligen Sozialdezernenten Dr. Hans-Peter Mehl und dem Sozialbürgermeister Bertolt Kiefer fanden wir Kommunalpolitiker, die die Bedeutung unserer Arbeit erkannten und sie förderten – zunächst gegen den Widerstand der Sozialverbände die unsern Einsatz für überflüssig fanden, da sie doch selbst dafür zuständig seien.

Wir hatten aber nicht nur den Ansatz, unsere Arbeit wissenschaftlich zu begleiten und Studierende systematisch einzubeziehen, auch organisatorisch und inhaltlich unterschied sich unsere Arbeit zu der anderer Träger, da wir für die Hausaufgabenhilfe keine Honorarkräfte, sondern fest Angestellte einsetzten, um eine verlässliche, dauerhafte personenbezogene Betreuung über die reine Hilfe hinaus zu ermöglichen und nicht nur den Kindern, sondern den Familien insgesamt verlässliche AnsprechpartnerInnen zu sein.

Auch war unsere Hilfe nicht auf bestimmte Nationalitäten beschränkt, wie es damals üblich war (Italiener von der Caritas betreut, Menschen aus dem damaligen Jugoslawien vom Roten Kreuz, und Spanier vom Diakonischen Werk). Abgesehen davon, dass man die religiöse Selbstbestimmung damit tendenziell einschränkte, fielen einige Nationalitäten unter den Tisch. Wir versuchten uns statt dessen am Stadtteil zu orientieren und zu betonen, dass die nationale Herkunft in der neuen Umgebung zweitrangig sei und ein alle einendes Interesse als Migrant in einem neuen Lebensraum im Vordergrund stand. Auch wollten wir die Zugewanderten oder zeitweise sich hier Aufhaltenden nicht auf das Soziale reduzieren und verbanden die Sozialarbeit mit der Kultur. Und in dieser Form konnte dann auch die Herkunft wieder eine Rolle spielen, musste aber auch nicht, denn es zeigte sich, dass viele Zugewanderten ihre Erlebnisse wie die Trennung von der Familie, das Gefühl der Fremdheit, die Erfahrungen in der neuen Arbeit, mit den Deutschen und den anderen Nationen mehr oder weniger künstlerisch verarbeiteten. Es war keine veritable Kunsttherapie, die sie dabei durchliefen, aber in diese Richtung ging es schon.

Folgerichtig stellte ich als Vorsitzender der nach Ablauf des Projektes gegründeten „Ausländerinitiative Freiburg e.V.“ an die „Bund-Länder-Kommission für Bildungsfragen und Forschungsförderung“ einen Antrag zu dieser Thematik, der Verbindung von Sozial- und Kulturarbeit. Da wir dieses Projekt im Umfang von 1,3 Millionen DM gegenfinanzieren mussten, stellten wir über mehrere Jahre 18 ABM-Kräfte ein. Das waren zwar keine Eigenmittel, aber es waren auch keine Bundesmittel und es hing von der Sichtweise ab, wie man sie einschätzt. Mit persönlichen Briefen an den damaligen BW-Kultusminister Maier-Vorfelder und dann auch an meinen ehemaligen Klassenkameraden und damaligen Bundes-Arbeitsminister Norbert Blüm konnte ich erreichen, dass uns das Projekt bewilligt wurde und damit wieder viel Geld in die Stadt floss, mit dem der Bereich Migration und Integration wissenschaftlich begleitet ausgebaut werden konnte.

Von 1984 auf 1985 war ich ein Jahr als Gastdozent in den USA, so dass die beiden Projekte, einerseits die nachfolgend zu beschreibende Friedens-Arbeitsstelle an der PH und zum anderen dieses Bund-Länderprojekt in der Stadt von anderen betreut und geleitet werden mussten. Für das Friedensprojekt gewann ich den Kollegen Jürgen Jahnke, das Bund-Länder-Projekt konnte von dem darin angestellten Norbert Gehlen geleitet werden – was er hervorragend machte.

Die Stadt hatte erkannt, welch wichtige Arbeit wir übernommen hatten und Bürgermeister Bertolt Kiefer bewilligte uns erstmalig und auf Dauer eine halbe Stelle, die wir mit Carola Kurras (später verheiratete Dangschat) besetzten, die bereits in dem vorangehenden VW-Projekt angestellt und für die Elternarbeit zuständig war. Sie organisierte nun als Festangestellte nicht nur die Kulturarbeit, sondern den Verein „Ausländer-Initiative-Freiburg e.V.“ insgesamt. In enger Abstimmung bearbeiteten wir die ständig auftauchenden Schwierigkeiten und Herausforderungen der Arbeit und des Vereins. Wir hatten damit aber einen entscheidenden Schritt in Richtung Etablierung einer Arbeitsrichtung getan und konnten ohne Überlebensängste arbeiten. Zu unserm Arbeitsfeld waren nach der Hausaufgabenhilfe und Freizeiterkundung nun Eltern-/Erwachsenen-Arbeit und Kultur gekommen und es galt, entsprechende Konzepte auszuarbeiten und umzusetzen. So gab es Teenachmittage, Koch-, Fahrrad-, Schwimm- Näh- und vor allem Sprachkurse – teilweise auch speziell für Frauen. Und Kinderbetreuung versuchten wir auch bereits zu organisieren, denn die Frauen kamen nur, wenn die Kurse von Frauen geleitet wurden und sie ihre Kinder mitbringen konnten. Das bedeutete die Einlösung dessen, was wir anfangs als Anspruch formulierten: die Orientierung an den Bedürfnissen der ‚Beforschten‘.

Über all das gab es einige Aufregung in der städtischen Sozialszene, aber die genannten Personen und letztlich auch die Stadträte vertrauten unserer Arbeit, die sichtlich für Entlastung vor allem in den Schulen und in den Stadtbezirken mit hohem Migrantenanteil sorgte. Auch in der Bevölkerung gab es großen Rückhalt und wir hatten in den ersten Jahren mehr als 500 Mitglieder und zahlreiche Ehrenamtliche – und vor allem viele PraktikantInnen von der KFH, der EFH und der PH (im Diplom-Studiengang). Aber ohne die Hilfe der Stadt ging es nicht, die uns dann auch nach und nach durch die Finanzierung der Hausaufgabenhilfe finanziell unterstützte und 1986 erstmals die erwähnte halbe Stelle bewilligte. Auch unsere Räume wurden nun – wie bei den Sozialverbänden ebenfalls üblich – nun als „sozial genutzt“ bezuschusst.. Inzwischen ist aus der Initiative, dem kleinen agilen Verein, ein ziemlich großer Dienstleistungsanbieter geworden mit gelegentlich an die 100 Mitarbeitende beschäftigt. 2026 feiert er sein 50jähriges Jubiläum.

2002 hat sich der Verein am „Integrationswettbewerb“ des Bundespräsidenten (Rau) und der Bertelsmannstiftung beteiligt und landete bei 1350 BewerberInnen unter die 10 (ohne Rangfolge) ausgezeichneten – eine durchaus beeindruckende Bestätigung unserer Arbeit. Die Bewerbungsschrift konnte ich auf der Grundlage der Berichte aus den Arbeitsgruppen während eines Forschungsfreisemesters verfassen.

30 Jahre war ich erster Vorsitzender des Vereins und bin seit 2012 Ehrenvorsitzender. Dankenswerterweise hat meine Kollegin Hildegard Wenzler-Cremer den Vorsitz übernommen und neue Projekte angestoßen und umgesetezt wie SALAM, Evaluation, den Ausbau der Halbtags- zur Ganztagsbetreuung in der Lorzingschule etc.

1979 (?) griff ich eine Anregung von SonderschulpädagogInnen auf und organisierte eine internationale Fachkonferenz zu dem Phänomen, dass insbesondere süditalienische Jungs aus Gastarbeiterfamilien vermehrt auf Sonderschulen überwiesen wurden. Zwar konnten wir das Rätsel nicht wirklich lösen, aber es gab interessante Hypothesen und insbesondere die Diskussion einer ‚inklusiven‚ Lösung des Problems, was (damals) heftige Diskussionen mit den SonderpädagogInnen auslöste. Die Stigmatisierung, in eine abgewertete Sonderschule gehen zu müssen und damit selbst sozial abgewertet und zumindest teilweise isoliert zu sein, konnte die Vorteile einer besseren Förderung nicht ausgleichen.

Veröffentlichungen u.a.:

ab 1978: Selbstdarstellungen des Vereins „Ausländer-Initiative-Freiburg e.V.“ (anfänglich 26 S., später wesentlich mehr)

1981: Deutsche Ausländer oder ausländische Deutsche? In: Bernhard Meyer (Hg.): Die Zukunft unserer Kinder beginnt immer jetzt!Darmstadt: Verlag Meurer, S. 57 – 82.

1985: Ausländerpädagogik 1: Unterricht und Elternarbeit (Herausgeber), Stuttgart: Kohlhammer . Darin:
Schul-Leistungssituation von Ausländerkindern. S. 11-72.
Hausaufgabenhilfe, Förderunterricht. S. 174-185

1985: Ausländerpädagogik II: zur sozialen Arbeit mit Familien und Kindern (Herausgeber), Stuttgart: Kohlhammer. Darin:
Soziale Arbeit in der Freizeit S. 10-130.

1989: Vorerfahrungen und Stereotypien: ihre Veränderbarkeit durch zweisprachige Kontakte? In: Manfred Pelz (Hg.): Lerne die Sprache des Nachbarn. Grenzüberschreitende Spracharbeit zwischen Deutschland und Frankreich. Frankfurt/M: Diesterweg. S. 134-149.

2005: „Südwind Freiburg e.V. – Verein für soziale und interkulturelle Arbeit“ Festschrift auf der Basis der Bewerbung für den Integrationspreis des Bundespräsidenten und der Bertelsmannstiftung 2002 (bei dem wir unter den 1328 Bewerbern einen der ersten 10 Plätze belegten und damit im Schloss Bellevue in Berlin ausgezeichnet wurden) 120 S.

2019: Anlässlich meines 80. Geburtstages: PP-Vortrag für die MitarbeiterInnen zur Geschichte des Vereins. Abrufbar auf meiner Homepage.